Beschreibung

 

Während er für Hannibal die römischen Machenschaften in Sagunt ausspioniert, verfällt der berühmte karthagische Geschichtenerzähler Jahon der Tochter des römischen Ex-Konsuls Gaius Lutatius Catulus. Er erinnert sich an ein früheres gemeinsames Leben mit der Römerin – doch seine Träumereien von Liebe, Tod und Wiedergeburt werden vom karthagischen Feldherrn als göttliche Visionen missinterpretiert. Jahon nimmt am Feldzug über die Alpen teil und versucht Hannibal mit weiteren Visionen zur Erreichung seiner Ziele zu bewegen. Doch hat er Hannibal Barkas unterschätzt.

 

Vierter Teil der ALTERA-ALA-ANIMAE-Ennealogie.



Leseprobe

Meine Seele hatte Lutatia bereits erkannt, als sich mein Geist noch fragte, wer dieses blasse Häuflein Elend mit dunklen Augenringen und zerzausten Haaren war. Ich hatte sie in ihrer jetzigen Gestalt ja nur ein einziges Mal und auch nur für einen Wimpernschlag gesehen. Doch ein Blick in ihre gletscherblauen Augen überzeugte meinen Geist sofort.

Sie erkannte mich nicht. Ihre Augen blickten durch mich hindurch. An ihrer linken Seite ging einer der fahnenflüchtigen Römer, an ihrer rechten ein Vertrauter Hannibals. Es war ein Grieche, den ich gut kannte – seit einem Jahr fragte ich mich schon, was mein Führer an dem uncharismatischen Milchgesicht ohne menschliche Mimik finden mochte, dessen Oberarme beinah so weich waren wie meine. Einmal hatte ich Hannibal gefragt, ob er mit dem Griechen verwandt sei – aber er hatte nur gelacht und sich in Schweigen gehüllt.

Heute weiß ich, dass er einer von Hannibals berüchtigten Spionen ist. 

 

Dass ich bei Lutatias Erscheinen abrupt stehen blieb, machte auf die drei ebenso wenig Eindruck wie meine offene Kinnlade. Keiner der Männer hier im Winterlager hatte seit der Überquerung der Alpen irgendetwas Weibliches gesehen – und wenn doch, dann nur aus weiter Ferne. Entsprechend reagierte so ziemlich jeder, an dem Lutatia mit ihren Entführern vorüberschritt, wie ich.

Aber nur ich wurde gerufen, als das Dreigespann Hannibals Zelt erreichte.

 

Meine Beine zitterten, als ich dem Ruf folgte. Ich musste mich aktiv daran erinnern, welcher Fuß als Nächstes nach vorne zu setzen war: Eben war es der rechte, dann muss es jetzt der linke sein, und so weiter.

Seltsam, mit welcher Unsicherheit man vor die Geliebte tritt, während man ohne Straucheln zu einem Gestürzten gehen und ihm die Glieder zerhacken kann.

Die Entführer kamen mir entgegen. Ihre vollen Taschen und die strahlenden Augen des Römers verrieten, dass sie von Hannibal reichlich entlohnt worden waren.

Erst jetzt wurde mir klar, dass die beiden bereits bei der Schlacht an der Trebia gefehlt hatten. Hannibal hatte sie noch an demselben Abend, an dem ich ihm von meiner Vision erzählt hatte, ausschwärmen lassen.

 

„Na, Jahon“, hörte ich seine Stimme. Aber ich sah nur Bläue. „Das ging schneller, als wir beide erwartet hätten.“

Lutatia hatte mich nur flüchtig mit ihrem Blick gestreift, nun schaute sie an uns vorbei ins Leere. Ihre Miene war widerstandslose Wut, doch war es zumindest nicht die himmelschreiende Trostlosigkeit der Sagunter Prinzessin. Noch nicht.

„Das passiert, wenn Frauen ohne Begleitung an der Küste lustwandeln. Aber warum sollte die Konsultochter auch irgendeinen Begriff von Sittlichkeit haben?“

Dass sie mich nicht wiedererkannte, enttäuschte mich. Welch absurder Gegensatz zu mir, der ich sie vom ersten Augenblick an durch die Grenzen mehrfachen Todes hindurch erkannt hatte. Andererseits hatte ich mich bei unserem letzten Treffen nicht gerade charmant verhalten – vielleicht war es besser, inkognito zu bleiben.

Hannibal geriet zunehmend in Hitze. „Ich wünschte, mein Vater könnte das noch erleben. Er hatte Lutatius ewige Rache geschworen – ohne ihn wären wir das mächtigste Volk auf Erden. Ihm verdanken wir unsere Knechtschaft, ihm verdanken wir die Demütigung, als Seemacht von Rom abgelöst worden zu sein, nur weil sie – diese charakterlosen Schweine – unsere Schiffe kopiert haben. Skis Hamilkarem?“

Er wandte sich an Lutatia, aber sie reagierte nicht. Ein Blick voll abgrundtiefer Abneigung war ihre einzige Erwiderung.

Wie hatte ich nur befürchten können, dass sie sich in ihn verliebte?

„Sie kennt ihn nicht einmal“, ereiferte sich Hannibal.

Noch nie hatte ich eine derart sinnlose Wut an ihm bemerkt. Vermutlich stimmt es, was man sich hinter vorgehaltener Hand erzählt – Hamilkar hatte seinen Zorn auf Rom und sich selbst jahrelang an seinen Söhnen ausgelassen.

„Weißt du, Herzchen“, wandte sich Hannibal an Lutatia, ohne ins Lateinische zu wechseln, „ich kann mir beim besten Willen keine bessere Rache an Lutatius vorstellen, als seine einzige Tochter zu ficken.“

Sie verstand unsere Sprache tatsächlich nicht – sonst hätten sich ihre Züge spätestens jetzt regen müssen.

Aber meine Züge regten sich.

„Bring sie ins Waschzelt und sieh zu, dass sie sich zurechtmacht!“, befahl er, ohne die Feindseligkeit in meinem Gesicht zu bemerken. „Ich werde heute Abend mit ihr dinieren.“

Die Worte, die er in Lutatias Sprache anfügte, waren zweifelsohne eine Warnung. Zumindest klang es wie: Glaube nicht, dass du fliehen kannst – meine Männer sind überall.

Vielleicht hatte er sie aber auch auf das vorbereitet, was er mit ihr vorhatte – zumindest sah ich erstmals unverhohlene Angst über ihr Gesicht huschen.

„Deine Visionen sind wirklich Gold wert, Jahon.“

Einmal mehr spürte ich Hannibals Hand im Nacken. „Was ist? Gefällt sie dir?“

Ich zuckte zusammen, als hätte er nach mir ausgeholt. „Mir?“

Hannibal feixte. „Vielleicht überlasse ich sie dir zur Belohnung – morgen oder übermorgen. Vorausgesetzt, du lässt dich nicht von ihr überwältigen, wie damals in Sagunt.“

Mit diesen Worten rauschte er in sein Zelt ab.

 

So standen wir also da.

Lutatia und ich.

Wilder Schwan und Gefleckte Hyäne.

„Kommst du mit ins Waschzelt?“, fragte ich nach einigen erfolglosen Denk- und Sprechversuchen. Die Gletscheraugen fixierten mich und ich begriff, dass ich in meiner Muttersprache gesprochen hatte. Ich wiederholte die Frage auf Griechisch, doch auch das führte zu keiner Reaktion.

„Sprichst du kein Griechisch?“, fragte ich sie. Sie verstand zumindest genug, um den Kopf zu schütteln.

Sie erwiderte irgendetwas mit „Latina“ – ich schüttelte den Kopf.

 

So standen wir da.

Lutatia und ich.

Wilder Schwan und Gefleckte Hyäne.

„Du sollst dich für Hannibal schönmachen“, sagte ich. Ich konnte es nicht verhindern, den Namen meines Führers mit einem angewiderten Tonfall auszusprechen, als hätte ich nicht von einem Menschen, sondern von einer Ratte gesprochen. Ich war nicht mehr fähig, die Gefahr, in der ich mich befand, zu begreifen. Überall liefen Hannibals Krieger herum und nicht wenige davon beobachteten uns.

Lutatia schien meine Feindseligkeit gegen ihn zu überraschen. Doch ihre Gegenfrage entzog sich meinem Verständnis.

 

So standen wir da.

Lutatia und ich.

Wilder Schwan und Gefleckte Hyäne.

Wiedervereint in einer Welt ohne Eintracht.

 

 

Vor dem Waschzelt wartete ich. Es war noch Nachmittag, aber längst dunkel. Ein Gallier hatte erzählt, dass es ganz oben im Norden um diese Jahreszeit gar keine Sonne mehr gäbe.

Ich schritt auf und ab und überlegte, wie es mir gelingen könnte, mit Lutatia zu fliehen. Noch einmal vor Hannibal treten und von einer neuen Vision berichten?

Nein, so dumm war er nicht, dass er darauf reinfallen würde, zumal er schon beim letzten Mal am Wahrheitsgehalt meiner Vision gezweifelt hatte. Dass er Lutatia und mir ein Pferd geben und uns auch nur für einen halben Tag ausreiten lassen würde, war weit weniger wahrscheinlich, als dass er seine Drohung mit der Qualvollsten aller Todesstrafen wahrmachen würde. Hannibal verstand jeden Spaß – wer ihm aber auf der Nase herumtanzte, musste es büßen.

Um unser Lager verlief eine Wand aus elefantenhohen Baumstämmen, an jedem Eck und jeder Rundung stand eine Wache. Sicherlich war es möglich, die Wache abzulösen, den Spaten zu packen und ein Loch zu graben, um mit Lutatia unbemerkt nach draußen schlüpfen und entfliehen zu können.

Aber spätestens dann wären wir verloren. Hannibal würde die Gegend nach uns absuchen – nie und nimmer könnten wir ihm und all seinen Reitern entwischen. Und die eisigen Nächte machten es unmöglich, so lange in einem Versteck auszuharren, bis sie die Suche aufgeben würden.

Und überhaupt, wo hätten wir uns denn verstecken sollen? Den einzigen Wald in der nahen Umgebung hatten wir für dieses Lager hier gerodet.

 

Ich warf einen Blick ins Waschzelt. Lutatia saß da und blickte mir trotzig entgegen. Sie hatte sich weder das Gesicht gewaschen noch sich gekämmt oder anderweitig gereinigt.

Ich drehte mich um, schlug gegen die Baumrinde und biss mir die Unterlippe blutig. Es wollte mir einfach keine Möglichkeit einfallen, mit ihr zu fliehen.

Wir hätten ein Pferd gebraucht, aber die sind innerhalb der Lagergrenzen untergebracht – man kann nicht einfach eines satteln und verschwinden, ohne dass die Wachen es mitbekommen.

Die einzige Möglichkeit wäre, hier im hinteren Bereich ein Feuer zu legen und „Römer“ zu brüllen, damit alle herbeistürzen und man unbehelligt zu den Pferden käme.

Nein, den Eingang zum Lager würden sie in diesem Fall trotzdem nicht aus den Augen lassen – ganz im Gegenteil.

Bliebe nur noch die Möglichkeit, Lutatia in einen Sack zu stecken, in Hannibals Namen ein Pferd zu erbitten und mit ihr zu beladen. Aber davon abgesehen, dass der Wächter des provisorischen Reitstalls, der mich bisher noch auf keinem Pferd gesehen hat, skeptisch genug sein dürfte, um eine Bestätigung unseres Heerführers zu verlangen – ich würde Lutatia nie und nimmer dazu bewegen können, in den Sack zu steigen und sich ruhig zu halten.

schon das bloße Zum-Waschzelt-Bringen hat mir den letzten Nerv geraubt.

 

Großmächtiger Baal! wie soll ich sie vor Hannibals Händen retten?

Eben ist sie hinter mir in seinem Zelt und ich halte Wache.