Beschreibung

Nachdem Shiva – der Gott der Zerstörung – der flüchtigen Prostituierten Sudhakshina das Leben rettete, hält er sie auf seinem Stier vor der Welt verborgen. Im Schlossgarten des Maharadschas entdeckt sie der königliche Hofdichter Kalidasa im Dickicht und hält sie für die Wünsche erfüllende Heilige Kuh Kamadhenu. Um unerkannt zu bleiben, spielt Sudhakshina das Spiel mit und bittet den verliebten Shiva darum, Kalidasas Wünsche zu erfüllen – doch mit jedem neuen Wunsch des Dichters steigt Shivas Zorn. Indes steht das Universum im Begriff auseinanderzubrechen, sowie die Göttin Parvati von der neuen Liebe ihres Mannes Wind bekommt.



Leseprobe:

Nacht war’s, als der Gedanke kam, denn alle Gedanken, die von Belang sind, kommen nachts.
Wer die Liebe kennen will, muss die Kunst kennen. Das war mein Gedanke.
Man kann Liebe erfahren, ohne die Kunst zu kennen. Aber es wird der Monsunschauer im Gesicht des Kranichkükens sein, das nicht gelernt hat, den Schnabel ins Wasser zu tauchen. Das war mein Gedanke.
Man kann Liebe geben, ohne die Kunst zu kennen. Aber es wird die Zärtlichkeit der Fangschrecke sein, die zuletzt
vom Hunger übermannt wird. Das war mein Gedanke.


Was aber war die Kunst? Und wo würde ich sie finden?
Keine Ruhe gab es, wo ich lebte. Wie hätte ich die Kunst dort finden sollen?
Keinen Altar gab es, wo ich lebte. Wie hätte ich die Kunst dort finden sollen?
Also ging ich fort.


In das Land der Unterdrückten ging ich und fragte die Unterdrückten nach der Kunst.
Hier findest du sie, sprachen die Unterdrückten und führten mich ins Theater. Die Darsteller aber trugen Masken und ihre Münder waren starr. Starr waren sie und konnten nicht weinen und nicht lachen und wenn sie sprachen, priesen sie ihren Unterdrücker.
Nein, sprach ich zu den Unterdrückten. Danach habe ich nicht gesucht.


In das Land der Übersättigten ging ich und fragte die Übersättigten nach der Kunst.
Hier findest du sie, sprachen die Übersättigten und führten mich ins Theater. Die Darsteller aber waren Dienstleister und wenn das gelangweilte Publikum nach anderen Kostümen, Kämpfen oder Lustszenen verlangte, unterbrachen sie das Stück und erfüllten dessen Wünsche.
Nein, sprach ich zu den Übersättigten. Danach habe ich nicht gesucht.


Die beiden Länder aber wurden von dichtem Dschungel umkränzt. Sehnsuchtsvoll durchquerte ich den Wald der Schlangen, schlief zwischen den Sambarhirschen und aß von den Früchten des Madjobaumes. Noch immer hoffte ich, jenseits der Wildnis das Land zu finden, in dem die Kunst zu Hause war.
Doch tief und undurchdringlich war der Dschungel und ich begriff, dass ich umkehren musste, wenn ich kein Opfer des menschenfressenden Tigers werden wollte. Und ich beklagte mein Schicksal, machte kehrt und suchte den Weg meiner Heimat.


Ich hatte den Dschungel noch nicht verlassen, als ich fremdartiges Trommeln und Singen vernahm. Unwillkürlich folgte ich der Musik und erreichte das Dschungelvolk. Doch das Dschungelvolk tanzte und bemerkte mich nicht. Ich trat durch die Reihen hindurch, bis ich vor der Sängerin stand.


Eine junge Frau war es, mit nackten, zum Bersten prallen Milchbrüsten. Schwarz waren ihre Augen, doch süß wie
Bienenhonig ihr Gesang. Dabei trommelte sie auf bunten, mit vielerlei Blüten geschmückten Kinderschädeln.
Fleischlos grinsten sie mich an und mein Herz erschrak und doch konnte ich nicht anders, als zum Takt ihrer Schläge zu tanzen. Und die Sängerin trommelte und die Schädel grinsten und wir tanzten und tanzten, bis wir aller Kräfte beraubt zu Boden stürzten.


Bis heute trage ich das Bild jener Sängerin im Herzen, wann immer ich ein Gedicht oder Schauspiel verfasse.
Denn es war die Kunst selbst, der ich im Dschungel jenseits der Zivilisation begegnet war.