Beschreibung

Und wenn ein Kobold in deiner Bibliothek erscheint? Und wenn er droht, sämtliche Märchen darin zu entwenden? Wenn seine diebischen Finger auch vor den märchenhaften Zügen deines Lebens – den schönsten Zügen! – nicht Halt machen, um dich als Philister par excellence zurückzulassen? Wenn nicht weniger auf dem Spiel steht als die vollendete Verblödung durch Vernunft?

 

Doch ruhig – die Retter sind schon unterwegs: Sir Coharz aus Groharz, der die Prinzessin mit dem Kopf eines schottischen Wasserdrachen zu gewinnen sucht, Helgi, der Haddinge-Held, mit seiner geliebten Schwanen-Walküre, der Seefahrer Seçkin, der den Jungfernpalast der widerspenstigen Ayşe zu zerstören sucht, und Ole Lukøje, der flatterhafte Sandmann, werden dir beistehen. Und schon siehst du dich von Faunen und Nixen, Trollen und Labyrinth-Bestien umringt und verschließt die Augen beim Anblick des Neuntöters, der sichelschwingenden Luz und des Leibhaftigen persönlich, um zuletzt in den trüben Blicken des Meisters Lebensfroh neuen Halt zu finden.

 

Zahlreiche liebevolle Illustrationen lassen dich zwischen alpenländischen Rauhnächten und den Ufern des Rheines taumeln, zwischen morgenländischen Palästen und nördlichen Fjorden, zwischen den Tiefen des Meeres und dem Himmelreich, zwischen Vergangenheit und Zukunft, Prosa und Lyrik.

 

Es ist ein erster Schritt gegen die Kleptomanie des Goggolori.

Wohlgemerkt: ein erster.


Erhältlich als



Illustrationen (Auswahl)


Leseprobe

Zur selben Zeit aber hat eine gräusliche Gestalt im Wald draußt ihr Unwesen getrieben, die wir fortan nur die schiache Luz geheißen haben. Das ist so ein vermummtes Weib gewesen, die hat in den eisigen Rauhnächten bald eine Sichel, bald einen Wetzstein mit sich geführt und gedroht, den Sündern den Bauch aufzuschneiden. Wenn es draußen schon ganz duster war, hat man sie bisweilen die Sichel wetzen und schnarren hören:

 

„A Schüsserl voll Darm,

 a Mölterl voll Bluat!“

 

Da sind wir freilich auf die Knie gefallen und haben uns bekreuzigt und die ganze Nacht kein Auge zugetan. Und bereits beim ersten Sonnenstrahl sind wir zur Kirche gelaufen – die größten Sünder am schnellsten –, haben den Rosenkranz gebetet und Ablass gezahlt.

Das Lichtkind und ihre Freundin aber sind am besagten Morgen zum Schneider seinem Haus gegangen, um mit ihm über seine Verfehlungen zu reden und wohl auch zu beten – denn der Schneider ist ein gar sündhafter Mensch gewesen, der die Weiber immerzu gemieden hat und sich sein Bett, wie uns die Gruberin hinter vorgehaltener Hand verzählt hat, gar mit einem alten Geißbock teilen tät. Wie aber die Mädeln an das Tor geklopft haben, so ist es gleich aufgesprungen und hat den Blick auf ein Blutbad sondergleichen freigegeben. Der Schneider nämlich ist tot auf den Dielen gelegen und seine Zunge und Gedärme sind ihm herausgehangen und in seinem aufgeschlitzten Magen ist der Geißenkopf gesteckt. Freilich sind die beiden da schreiend zu uns in die Kirche gestürzt und haben die Geschichte verzählt und wir – wie die anderen halt auch – sind heimgelaufen und haben unsere Türen und Fenster verbarrikadiert und die Kammern ausgeräuchert.

Es hat sich aber kein weiterer Mord nicht mehr ereignet.

 

Im Frühling ist das Dorfleben wieder aufgeblüht und alle Furcht war vergessen. Im Sommer haben zwei schneidige Burschen, der Landauer Martl und der Huber Jonas, um die Hände von den Mädeln angehalten und im Herbst haben das Everl und der Huber Hochzeit gehalten. Das Lichtkind aber hatte sich halt ganz dem Herrgott verschrieben, ist nach wie vor von Haus zu Haus gegangen und hat zuletzt dem Landauer seinen Antrag abgelehnt. Doch auch das Everl ist nicht eitel geworden und hat das Lichtkind auch weiterhin noch begleitet und den Bedürftigen Wärme und Trost gespendet – obwohl dass der junge Ehemann sich bisweilen über ein allzu hastig zusammengeschustertes Nachtmahl beklagen hat müssen.

Doch wie es wieder Winter war, waren alle Wärme und aller Trost verflogen. Lauter und immer lauter ist das Schnarren und Wetzen aus dem Wald gedrungen und wie im Vorjahr haben wir die Türen und Fenster auf die Nacht verriegelt und unter Tag mehr denn je gebetet und unsere Sünden gebeichtet.

Und doch hat die Luz wieder zugeschlagen. Die Mädeln haben den Toten als erste entdeckt – den Geldverleiher Blumberg, der, unter uns gesagt, ein rechter Schlawiner war. Die barmherzigen Dirnen haben ihn gewiss zu einem redlichen Leben bekehren wollen, doch haben sie halt grad seinen ausgeweideten Leichnam gefunden. Die Luz hatte die Goldmünzen in sein Judenkapperl geschlagen und seine offene Magenhöhlung damit ausgestopft – akkurat wie im Vorjahr beim Schneider.     

Es ist gewiss nicht notwendig, die Angst und Bestürzung zu beschreiben, die fortan in der Gemeinde geherrscht hat. Kaum die Schwelle haben wir in diesem Winter überschritten – allein das Lichtkind war beherzt und gottesfürchtig genug, ihre Besuche fortzuführen.