Sappho und die Ehe.

(demnächst veröffentlicht in „Uranus.“)

 

 

Wer ersann das liebliche Lied des Sterbens?

War’s mein Busen? Waren’s die Nachtigallen?

Kleïs schläft im Bettchen zu unsern Füßen –

er leider gar nicht.

 

Würde er doch nur diese Hand auf seiner

Seite lassen, würde er Kleïs heitschen

oder sich – wie’s Männer wohl tun – an seiner

Sklavin vergehen!

 

Jeden Abend, wieder und wieder, sprach ich

über meinen Zustand, erbat mir Aufschub –

und die Möglichkeit, ihn zunächst, von neuem,

kennenzulernen.

 

Aphrodite, Schöpferin jener Dinge,

die der Erde Farbe und Pracht verleihen,

darf ich dich um einen Gefallen bitten?

Lass ihn verstehen!

 

Möglich, dass ich reizende Formen habe,

möglich, dass ich Lüste empfinden kann, auch 

möglich, dass ich einst meinen Leib ihm hingab –

gerne womöglich.

 

Nun ist’s anders. Zehn Jahre fehlen meinem

wachen Leben, zehn Jahre trennen mich von

meiner Tochter – wie eine große Schwester

muss ich ihr scheinen.

 

Immer näher rückt er heran. Die Hand auf

meinem Schenkel glaubt er mich zu erregen.

Zwecklos, sich mit sanfter Gewalt zu wehren –

auch nicht mit roher.

 

Aphrodite, Schöpferin jener Dinge,

die der Erde Farbe und Pracht verleihen,

darf ich dich um einen Gefallen bitten?

Lass ihn verschwinden!

 

Schreien möchte ich, wie die Nachtigallen,

die der stumpfe Iltis zerfleddert – schreien!

Keine Angst, es wird dir bestimmt gefallen,

haucht der Bezwinger.

 

Jäh zerrissen wird meine Leibesmitte.

Keine Angst, es wird dir bestimmt gefallen.

Brusthaar, Last und Männerschweiß halten mir die

Arme zusammen.

 

Keine Angst, es wird dir bestimmt gefallen,

Schmutz zu sein. Es wird dir bestimmt gefallen,

ein Gebüsch für deinen Gemahl zu sein, zum

Notdurft-Verrichten.

 

Aphrodite, Schöpferin jener Dinge,

die der Erde Farbe und Pracht verleihen,

darf ich dich um einen Gefallen bitten?

Lass ihn verrecken!